Aktuelles Projekt: Zuerst wurde ein Lager aus Stein für die Hilfsgüter gebaut und dann der Zaun aufgestellt. | © Andreas Hartmann

Schloß Holte-Stukenbrock. Das Hilfsprojekt „Wasser für Labgar” gewinnt weiter an Fahrt. Die beiden Vorsitzenden Dorothea Martl aus Hövelhof und Mor Séne aus Schloß Holte-Stukenbrock haben mit ihrem nahezu unermüdlichen Engagement einen weiteren, finanzstarken Sponsorenkreis für ihr Projekt begeistern können. Deshalb konnte jetzt die nächste Projektetappe im Senegal starten. Und die beiden Vorsitzenden haben die Hoffnung, dass auch die Bundesregierung das Dorf Labgar in Zukunft unterstützt.

Andreas Hartmann ist Feuer und Flamme, wenn er von Labgar berichtet. Der Geschäftsführer der Paderborner Spedition Hartmann International hat den Container und die Transportkosten für die aktuelle Hilfsgüterlieferung gestellt und ist mit seiner Ehefrau Anja den Vereinsvorsitzenden Dorothea Martl und Mor Séne in den Senegal nachgereist, um sich eine Woche lang vor Ort ein eigenes Bild des Projektes zu verschaffen. Was ihm an „Wasser für Labgar” von Beginn an gefallen hat: „Das Geld geht eins zu eins in das Projekt”, sagt er.

Seit 2012 engagiert sich der Förderverein in Mor Sénes Heimatdorf Labgar. Die vorrangige Projektidee war, die Menschen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Ein Brunnen wurde gebohrt, Leitungen gelegt und ein Wassertank installiert. Schnell war den Akteuren klar, dass dies allein nicht ausreicht, um den Menschen im Senegal eine Perspektive zu bieten. Das Krankenhaus und die Schule wurden mit Material und Solarstrom ausgestattet. Bäuerinnen können nun einen kleinen Garten selbst bewirtschaften, und ein paar Jugendliche werden in dem 300 Kilometer entfernten Thiès zu Mechatronikern ausgebildet. Wenn sie fertig sind, sollen sie in Labgar eine Werkstatt führen.

Jetzt setzt eine neue Projektphase ein, die Dorothea Martl mit „Gemüse für Labgar” beschreibt. Der Förderverein hat 1,5 Kilometer vom Dorfkern entfernt zwei Hektar Land erworben und umzäunt. Der Zaun ist wichtig, weil sonst das – überall frei herumlaufende – Vieh die zarten Pflänzchen abfressen würde. Der Zaun ist am Wochenende fertig geworden, sagt Mor Séne, der im ständigen Kontakt zu den Menschen in Labgar steht und jetzt drei Monate im Senegal verbracht hat, um die jüngste Hilfsgüterlieferung zu koordinieren. Zum einen den Transport des Containers von der Hauptstadt Dakar, zum anderen den Bau eines Steinhauses, das als Lager für eben diese Hilfsgüter dient, auf dem Gelände des Fördervereins.

Auftakt: Frisches, sauberes Trinkwasser den Menschen in Labgar bereitzustellen, war das erste Projekt, das Dorothea Martl und Mor Séne erfolgreich umgesetzt haben. Deswegen heißt der Verein auch „Wasser für Labgar“. Heute ist die Hilfe noch weitgreifender. | © Andreas Hartmann

GESELLSCHAFT WIRD GEGRÜNDET

Der Kontakt und die Kontrolle sei ein enorm wichtiger Baustein für das Gelingen eines Entwicklungsprojektes, sagt er. Es gebe in Afrika genug Beispiele für das Scheitern. Denn sobald die finanzielle Hilfe versiegt und Errungenschaften nicht in Stand gehalten oder weitergeführt werden, drohe das gesamte Hilfsprojekt zu scheitern. Nicht so in Labgar. Sénes Cousin Baba ist Ansprechpartner vor Ort und fungiert als eine Art Projektleiter.

Vielleicht können die Senegalesen in zwei Monaten die erste Saat aussäen. Kartoffeln und Zwiebeln. Zunächst muss ein weiteres Brunnenloch 200 Meter tief in den Sandboden gebohrt werden, damit das Feld eine Wasserversorgung erhält. Der nächste Schritt ist die Gründung einer Gesellschaft für den Anbau und die Vermarktung der Grundnahrungsmittel. Eine junge Frau ist bereits gefunden, die vor Ort Verwalterin wird. Es könnte auch einen Verwaltungsrat geben, der bis zu einem gewissen Grad eigene Entscheidungen treffen darf. Weitreichende Entscheidungen sollen weiterhin in Deutschland beraten und beschlossen werden. Es habe immer ein Entscheidungsgremium über die beiden Vorsitzenden hinaus gegeben, sagt Dorothea Martl.

Sie ist zudem froh, dass Andreas Hartmann sich im Förderverein engagieren will und neue Ideen einbringt. Eine Kooperation mit hiesigen Schulen kann er sich vorstellen oder ein Gästehaus für Helfer oder Gäste aus Europa, zudem müsse das Krankenhaus besser ausgestattet und aus hygienischer Sicht optimiert werden. Es gibt zwar einen Arzt, für den die Entscheider im Ort aber dringend einen Ersatz suchen.

ARZT AUS DEUTSCHLAND SOLL HELFEN

Dem Arzt wird Unterschlagung vorgeworfen, er soll unter anderem Diesel mit Wasser gestreckt haben, dadurch ist der von den Johannitern in Werther gespendete Krankenwagen kaputt gegangen. Der ist wichtig, um Patienten ins nächst größere Krankenhaus ins 65 Kilometer entfernte Linguère zu fahren. Der Krankenwagen ist mittlerweile repariert, einen neuen Arzt gibt es aber nicht so schnell.

Der Förderverein setzt seine Hoffnungen auf zwei junge Frauen, die sich in Dakar zu Medizinisch Technischen Assistentinnen (MTA) ausbilden lassen und anschließend in Labgar praktizieren wollen. „Die haben dann den gleichen Kenntnisstand wie der Arzt”, sagt Mor Séne. Die Ausbildung dauert jedoch drei Jahre und kostet 10.000 Euro pro Person. Für das erste Jahr ist ein Sponsor gefunden. Mor Séne hofft zudem, dass ein deutscher Arzt vielleicht ein halbes Jahr oder länger in Labgar die Menschen versorgt. Es gibt zum Beispiel ein Ultraschallgerät, aber niemand weiß so richtig, wie das eingesetzt wird. Für die Wohnung und Lebensmittel würde der Förderverein aufkommen, verspricht Mor Séne.

Typisches Verkehrsmittel: Der Eselskarren befördert so ziemlich alles in Labgar. Ebenfalls typisch: Direkt neben einem alten Steinhaus steht eine Wellblechhütte. | © Andreas Hartmann

PERSPEKTIVE FÜR JUGENDLICHE

Andreas Hartmann spricht von einer Art Abenteuerromantik, wenn er seine Reise nach Labgar beschreibt. „Als würde man von Dakar nach Labgar 200 Jahre abspulen”, so groß sei der Unterschied des Dorfes zur vom Westen inspirierten Millionenstadt. Schlafen auf dem Flachdach unterm Sternenhimmel, keine Hektik, im Dorf flackern ein paar Lagerfeuer, Menschen unterhalten sich daran, dazwischen sind die Tiere zu hören.

Was für Besucher romantisch erscheinen mag, bedeutet für die Jugendlichen im Senegal Perspektivlosigkeit. „Viele junge Leute sitzen den ganzen Tag herum. Aber sie haben Smartphones”, sagt Andreas Hartmann, „die wissen ganz genau, wie es in Europa aussieht.” Und machen sich dann auf den gefährlichen Weg. Der Ausweg wäre, den Menschen vor Ort eine Perspektive zu bieten. Dafür setzt sich der Förderverein ein.

Kanzlerin Angela Merkel hat im Sommer zugesagt, 300 senegalesische Dörfer mit Solarstrom auszustatten. Der Förderverein hofft, dass Labgar dabei sein wird, und erhält Unterstützung. Bundestagsabgeordneter Carsten Linnemann (CDU) will sich in Berlin für das hiesige Projekt stark machen.

Abhängen: Die jungen Leute haben Mopeds und Smartphones – aber kaum eine Perspektive im Senegal. | © Andreas Hartmann

Text: Neue Westfälische vom 21.12.2018

Bilder: Neue Westfälische/ Andreas Hartmann

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